Sonntag, 16. November 2008

Literatur und Kleinkunst im Kabuff

Nicolaus Kessener stellte sein erstes Buch im Theater im Kabuff vor.


Das kleine Probiertheater in der Rendsburger Str. 100 ist ein Urgemütlicher Ort. Intim, freundlich und angenehm. Ein guter Platz für „Augenblicke im Leben“, so der Titel für das erste Buch von Nicolaus Kessener, das er bei Cordula Thonett der Öffentlichkeit präsentierte. Assistiert von dem Duo Caldera, die mit einigen Titeln aus ihrem Repertoire hand- und mundgemachte Musik aus Eckernförde spielten. In und um Eckernförde spielen auch die lebendigen Geschichten die Nicolaus Kessner aus seinem Buch vorlas. In kurzer, prägnanter Form mit genau beschreibenden Worten entwickelt der Autor seine Geschichten, die einen meist bekannten Alltag beschreiben und ihn plötzlich, durch ein fasst unmerkliche Verschiebung, zu einer ungewöhnlichen Veränderung bringen. So in der Geschichte von dem Mann, der seinen Gewohnheiten treu, abends brav in Bett geht und Morgens mit allen den liebgewonnen Ritualen aufsteht. Bis er feststellt: die ganze Welt hat sich schlagartig verändert, weil nur ein Bestandteil seine Lebens anders geworden ist.

Gleich eine ganze Familiensaga steckt in der meisterlich vorgetragenen Kurzgeschichte „Des Lebens ganze Fülle“ in der Niclaus Kessener von einem Dorfelvis aus den späten 60igern berichtet und ohne unnötige Längen die Geschichte bis in die Gegenwart spannt. Liebe, Leben, Tot und eine späte aber eingehende Freundschaft wird in der Meisterform einer Kurzgeschichte zusammen gefasst und spannend präsentiert. Das zahlreiche Publikum, der kleine intime Zuschauerraum war fast bis auf die letzte Holzbank mit Kleinkunstfans gefüllt, hing gebannt an den Lippen des Erzählers um zum Schluss in befreienden Applaus auszubrechen. Neben den schönen Geschichten, die immer entspannt und locker mehr vorgetragen als gelesen wurden, gab es auch noch ein Interview mit dem Literaten. Klara Korn, eine etwas betagte aber sehr lebensfrohe Dame aus dem Hause der gastgebenden Puppenspielerin Cordula Thonett stellte neugierige Fragen und liess nicht locker bis der Autor ihr versprach, ein Stück für sie zu schreiben. So wird die Zusammenarbeit zwischen der Puppenbühne und Nicolaus Kessener wohl weiter gehen. Zu hoffen bleibt dabei, das auch die beiden jungen Vollblutmusiker des Duos Caldera, Benjamin Schulte und Dominik Kessener mit eingebunden werden, die mit ihren lebendigen Folk und äußerst originellen Texten für diesen Abend einen wunderbar passenden Akzent setzten. (fst)



Nicolaus Kessener

„Augenblicke im Leben“

Mohlandverlag

ISBN 978-3-86675-066-1

Preis 12 Euro

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Gekonnte Augenblicke

Ein Eckernfördebuch für literarische Innenräume








Augenblicke im Leben“ so lautet der Titel eines ganz frisch im Mohland Verlag erschienen Buches von Nicolaus Kessener mit Kurzgeschichten. Und wie Augenblicke Kontaktaufnahmen und kurze Zeiträume gleichermaßen sind, Momente und Begegnungen, so lässt der Autor in kompakter Form oft besondere Situationen, Erlebnisse und damit verbundene Gedanken vor dem Leser entstehen. Dabei reicht das Spektrum der behandelten Themen erstaunlich weit. Da ist die Krimistory, in der seltsame Todesfälle an einer Autobahnraststätte, die Kripobeamten fast verzweifeln lassen. Die Leichen waren unheimlich zugerichtet, stets passierten neue unheimliche Todesfälle an der selben Stelle und kein handfester Hinweis lies auf einen sadistischen Mörder schließen. Durch mühsame Kleinarbeit und hellwache Beobachtung findet dieser Fall ein überraschendes Ende. Gehobene Lektüre für Krimifans. Aber nur einer der vielen Augenblicke des Lebens, wenn auch ein Spektakulärer. Auch die Geschichte von dem Mann, der Mittelalt oder wie man heute eher sagt, als Jungsenior auf Brautschau geht und unerwartete fast banale Hindernisse trifft. Wie peinlich, und beim Lesen nachvollziehbar ist der Besuch in einem Eckernförder Strandcafeé, angetan mit dem neuen Sakko an dem protzig das Preisschild baumelt: 395 Euro.
Fast alle Geschichten spielen rund um und in Eckernförde und geben einen intimen, sehr persönlichen Lokalkolorit der Ostseestadt wieder. Nicht Zweck des Buches ist die kleine Stadt mit dem schönen Strand, sondern gekonnte Dekoration. Die meisten handelnden Personen in dem Erzählband haben hier ihren Lebensmittelpunkt. So wie auch der Autor, Nicolaus Kessener der in der Nähe von Eckernförde lebt. Vielfältige berufliche Stationen wurden zu einem breiten Erfahrungsspektrum: Germanistik mit Lehramt, Dokumentar, Familientherapeut, Lehrer und Trainer um nur einige markante Punkte zu nennen. 2005 gewinnt Kessener mit seiner Geschichte „Das Bild“ einen Schreibwettbewerb des Museum Eckerförde. Die sehr eindringliche und bewegende Geschichte spielt in der Zeit von Carl Bössenroth (1863-1935) in Eckernförde. Der Autor lässt die alte Fischerstadt erstehen und beschreibt einfühlsam die Schnittstelle zwischen der vornehmen Gesellschaft die in den üppigen Landgütern rund um die Stadt einen großen Haushalt führt und den armen Fischern und Dienstleuten, die in der unteren Stadt ihren schweren Handwerken nachgehen und in beengten Häusern im Dunst der Räuchereien leben. Der wiederholte Besuch der bekannten und anerkannten Malers führt zu einer Begegnung mit einem einfachen Dienstmädchen und Fischerfrau – mit einem unerwarteten Ende. Gerade an dieser Geschichte lässt sich die farbige Arbeitsweise des begabten Autors wunderbar miterleben. Auf journalistisch recherchierter Fakten- und Ortkenntnis aufbauend, entsteht ein stimmiges Bild. Die Details sind wie feine Gewürze, unauffällig eingewoben, unaufdringlich aber stilbildend angewandt, ermöglichen ein Zeitgemälde in der die phantasievolle Story realistisch eingepackt wurde. Der große und noch heute bedeutende Maler bekommt mit wenigen Zeilen genauso ein realistisches ansprechendes Gesicht und eine erlebbare Ausstrahlung wie das schüchterne Dienstmädchen Luise, das zu seine Bedienung abgestellt wurde. Fiktion und mögliche Realität weben sich zu einer Einheit, die an die Traditionen großer Erzählkunst nahtlos anknüpft und den Leser mit unsichtbaren Fäden in die Geschichte hineinzieht: Der Genießende wird nach dieser wunderbaren Meistererzählung erst ein mal sein Buch zu Seite legen und die mächtigen Nachbilder wirken lassen.
Eine vollkommen andere literarische Gattung ist der kleine fragmentarische Roman „Nepomuk Quazzelpuzz“. In fünf Kapiteln und damit leider viel zu kurz, handelt dieser phantasievoll von elfjährigen Schüler Friedemann. Friedemann hat die üblichen Schwierigkeiten mit den Eltern, der Schule und mit selbst. Sein Leben verändert sich, als er in seiner Nähe ein zartes kleines Wesen bemerkt, das die großen Leute nicht sehen und hören können. Plötzlich hat der Schüler zwei Ebenen in denen er lebet: Seiner eigenen, mit neuen aufregenden Erkenntnissen und geheimen magischen Wissen gespickten und der alltäglichen, oft unverständlichen der „großen Leute“. Diese verschiedenen Ebenen durchdringen sich und der junge Mensch fängt langsam an, zu erahnen, was die Eltern, die Lehrerin und die größeren Geschwister von ihm wollen und wie er sich selbständig in seinem Umfeld behaupten kann. Nicht nüchtern und rational wie dieser Inhaltangabe kommen die fünf Kapitel daher, sondern voller Farben und Brüche, Emotionen und innerer Kämpfe. Nicht eine verklärte Kindheit, die Erwachsene so gerne aus ihrer Erinnerung herausfiltern wird beschrieben, sondern ein jugendlicher Mensch der zwischen Ankuscheln und Abgrenzen seinen eigenen Weg auch in einem vertrauten Umfeld zu finden sucht. Dieser „innere Sicht“ die nicht nur diesen kleinen Romanhaften Zyklus prägt ist eine der wesentlichen Merkmale der „Augenblicke“. Die Kunst, eine Erzählung nicht nur auf einer Idee, einem Erlebnis aufzubauen, das benötigte Wissen umfassenden parat zu halten und dichtend weiterzuspinnen gestaltet das Buch zu einem Erlebnis. Kessener kann, verdichten und herausarbeiten, Farben setzen, und Imaginationen aufbauen und seine Leser in diese Welt sanft und sicher mitnehmen. Nicolaus Kessener kann Kurzgeschichten schreiben. Es steht zu hoffen, dass die vorliegenden „Augenblicke im Leben“ nur ein vorzüglicher Auftakt zu weiteren und ausführlicheren Werken sind. Die Augenblicke sollte man auf jeden Fall auf dem Schreibtisch deponieren, denn es lohnt sich sehr, sie mehrfach festzuhalten und zu genießen.

Markus Feuerstack


Nicolaus Kessener
„Augenblicke im Leben“
Mohlandverlag
ISBN 978-3-86675-066-1
Preis 12 Euro

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